Zu schepp, zu mager, zu dick: Die Wahl des perfekten Kerbebaumes ist ein wahres Abenteuer.
15 Meter hoch, von schlankem, ebenmäßigem Wuchs soll er sein. Und eine Spitze muss er haben, die etwas hermacht. Gefällt wird immer nur der Schönste. Wenn die Dillinger Kerbeburschen den Kerbebaum holen, hat das fast schon «Deutschland sucht den Superstar»-Qualität.
Dillingen. Es ist nicht so, dass sich die Tannen im Wald oberhalb des Dillinger Hofs danach sehnten, Kerbebaum zu werden. Im Gegenteil. So viele hier auch in Reih und Glied über vier Jahrzehnte gewachsen sind, keine ist perfekt. Die eine macht sich krumm, die andere ist zu dünn, der dritte ist zu dick. Der nächsten fehlt die Spitze, und das geht ja schon mal gar nicht.
Zwanzig Meinungen
Die Blicke der Kerbeburschen sind am Samstagvormittag nach oben gerichtet, dorthin, wo der blassblaue Himmel von dürren Zweige und staubwedelartigen benadelten Spitzen schaut. Gemächlich hat Harald Gauterin seinen Schlepper vom Dillinger Hof auf den Weg in Richtung Köppern gelenkt. Auf dem Hänger stehen erwartungsvoll und abenteuerhungrig die Kerbeburschen mit noch weißen T-Shirts samt Aufdruck. Sie frozzeln und witzeln und sind doch ein wenig nervös, denn die Sache mit dem Baum ist nicht ohne. Das Gespann hält. Sie springen vom Hänger. Da steht er. Der Kerbebaum 2010. Auf den ersten Blick ist er perfekt. Aber die Wahl des Baumes ist eine Sache für sich, die viele Worte und noch mehr Einwände fordert. «Zu schepp, zu mager», heißt es, «der letzte war schöner». Zwanzig Männer, zwanzig Meinungen. Der Baum hat Glück, wird keines Blickes mehr gewürdigt und darf weiter wachsen.
Kritische Männerblicke
Der Wald hier oben ist nicht eben schön. Tannenmonokultur, zu eng aufgewachsen, um jemals Weihnachtsbaum zu werden. Zwei Drittel der Stämme haben magere braune Ästchen, die Gauterin später mit der Motorsäge abrasieren wird wie nichts. Oben aber, wohin der Blick kaum noch reicht, dann doch das Grün – das Kerbebaumgrün.
Wenn nur die kritischen Männerblicke nicht wären: «Der ist gefühlt zu dick», heißt es hier. «Wenn es so einfach wär», könnt» man sie ja auch im Katalog bestellen.» Die Hitze und Dürre der vergangenen Wochen hat den Bäumen zugesetzt. Das Holz ist mürbe. «Wenn wir die nehmen, kracht sie runter, und die Spitze ist dahin.» Zwanzig Kerbeburschen im unwegsamen Unterholz, eine Bühneninszenierung, die es in sich hat. Dann fällen sie das Urteil: «Das ist unser Baum.»
Gauterin setzt die Säge an, der Baum sinkt in Zeitlupentempo hernieder. Die Spitze ist dran. Erleichtert tragen sie den langen Stamm zum Hänger. Gauterin fährt zum Hof und kommt mit frischem Kerbe-T-Shirt und selbstgekeltertem Apfelwein zurück. Der Baum ragt aus dem Hänger, fest vertäut mit einem blauen Synthetikband, das nicht reißen kann. Die Spitze irgendwo weit hinten wippt, die Jungs halten den Atem an. Dann ein Schoppen, dann die Gesänge, die Mut und Laune machen für die traditionelle Tour zu den Gerlachs, wo eine Vesper wartet und selbst gebrannter Mirabellenschnaps.
Als die grüne Dillinger Fahne gehisst ist, weiter zum Kerbefreund Helmut Völler und dem Vorsitzenden Frank Kunz. Oben auf der «Bermuda-Meile», an der Kreuzung zur Dillinger Straße, warten die emsigen Kerbebienen auf Burschen und Baum. Mit großem Hallo und von der Trommel angefeuertem Tamtam.